Wie ich zum Geher wurde...

... ist eine komplizierte Geschichte. Mit 11 Jahren bin ich eher zufällig in einen Leichtathletik-Verein geraten – dabei wollte ich damals nur meine Schwester vom Training abholen. Stattdessen probierte ich mich selbst in den verschiedenen Disziplinen aus, von denen ich keine wirklich gut konnte. Meine damalige Trainerin Ulrike Sander war selbst aktive Geherin und brachte unserer Trainingsgruppe daher auch das Gehen näher – die einzige Disziplin, in der ich ein gewisses Potential andeutete. Trotzdem kam ich auch dort von ganz unten und war zunächst der Schlechteste der Gruppe. Über die Jahre versuchte ich, mich Stück für Stück zu verbessern, was mir auf niedrigem Niveau auch gelang.

 

Mit 14 begann ich, mich stärker aufs Gehen zu fokussieren und wurde damals auch schon von Robert Ihly unterstützt, mit dem meine Trainerin zusammenarbeitete und der mich später (2009) als Trainer übernehmen sollte. Es dauerte jedoch noch eine ganze Weile, bis ich in meiner Altersklasse an die nationale Spitze anklopfte: 2007 gewann ich überraschend die Silbermedaille bei der Deutschen Meisterschaft in der U18. Von internationalem Niveau in meiner Altersklasse war ich aber noch ein ganzes Stück entfernt. Dort gelang mir der Durchbruch zwei Jahre später, als ich mich für die U20-Europameisterschaft qualifizierte und da einen nie erwarteten vierten Platz belegte. Ich setzte mir ein langfristiges Ziel: Die Olympischen Spiele 2016, die gerade nach Rio de Janeiro vergeben worden waren.

 

2009 war auch das Jahr, in dem ich in Baden-Baden mein Abitur machte und anschließend fürs Studium nach Freiburg zog. Das bedeutete eine neue Trainingsumgebung, aber auch eine umfangreiche Betreuung durch den dortigen Olympiastützpunkt. Daran, dass ich den größten Teil der Woche alleine trainieren muss, hatte ich mich die letzte Zeit in Baden-Baden schon langsam gewöhnt. Eine neue Herausforderung war die Umstellung der Wettkampf-Strecke von 10 auf 20 Kilometer, die mit dem Herauswachsen aus der U20-Klasse verbunden ist. Diese gelang mir im ersten Jahr aber schließlich ganz gut.

 

Die beiden folgenden Jahre wollte ich dann einen großen Schritt nach vorne machen, stattdessen stellten sie mich auf eine große Probe: Nachdem ich gut ins Jahr 2011 gestartet war, machte eine Knieverletzung mir das Leben schwer. Bei der U23-EM und bei der Universiade (sozusagen Olympische Spiele für Studenten) wurde ich jeweils wegen fehlender Kniestreckung disqualifiziert. Im Folgenden wurde die Verletzung schlimmer, sodass ich auch im Training deutlich kürzer treten musste. Nach und nach bekam ich die Probleme in den Griff, sodass ich im Lauf des Jahres 2012 langsam zu meiner alten Form zurückfinden konnte. Endgültig gelang mir das wohl am Ende des Jahres mit dem Gewinn der Deutschen U23-Meisterschaft über 30 Kilometer.

 

2013 machte ich einige Fortschritte, verpasste im Sommer aber die erneute Teilnahme an der Universiade, weil ich kurz vorher im Training umgeknickt war und mir den Fuß angebrochen hatte. Dafür gab ich im Oktober mein Debüt über den langen Kanten, die 50 Kilometer, und wurde zu meiner eigenen Überraschung auf Anhieb Deutscher Meister. 2014 qualifizierte ich mich auf dieser Strecke für die Leichtathletik-EM in Zürich, wo ich vor toller Kulisse den 15. Platz belegte und mich bereits für die Weltmeisterschaft in Peking im Jahr darauf qualifizierte. Dort konnte ich die 50 Kilometer wegen einer Zerrung im Vorfeld leider nicht zu Ende gehen. Doch dafür gewann ich sechs Wochen später erneut die Deutsche Meisterschaft und erfüllte die Norm für die Olympischen Spiele in Rio. Nachdem ich da Lehrgeld zahlen musste, erreichte ich 2017 bei der WM in London eine Top-Ten-Platzierung - und damit den endgültigen Sprung in die Weltspitze.